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Liebe Leserin, lieber Leser,
so manche Lebenskrise stellt
sich ein, wenn das lang ersehnte, mit Hingabe geplante und teuer finanzierte
Einfamilienhaus endlich fertig ist. Ist erst die letzte Diele verlegt, die
letzte Wand verputzt und auch der Rasen im kleinen Garten makellos dicht und
grün, kann ein mulmiges Gefühl des Stillstands aufkommen. Soll’s das jetzt
gewesen sein? Die dagegen »im Haus der Sprache wohnen« (Karl Kraus), bewohnen
ihr Leben lang eine Baustelle, arbeiten an etwas, das niemals fertig wird.
Das gilt erst recht für die zahlreichen Bibelübersetzungen, die im Laufe der
Jahrhunderte in Angriff genommen wurden. Sprache hält in Bewegung, die
Sprache der Bibel zumal. Die Beiträge dieses 26. Heftes der ZNT zeigen auf je
eigene Weise, dass das Übersetzen der Bibel zu allen Zeiten ein mühsames,
anfechtbares, niemals endgültiges und deshalb auch niemals endendes Unternehmen
war und ist. In der Rubrik »Neues Testament aktuell« vermittelt Ute Eisen in
einem weit gespannten Bogen von vorreformatorischen Teilübersetzungen bis hin
zur »Bibel in gerechter Sprache« einen lebendigen Endruck »[v]om schwierigen und
unendlichen Geschäft des Bibelübersetzens«. Günter Röhser ergänzt die
historische Perspektive im ersten Beitrag der Rubrik »Zum Thema« um fundierte
Überlegungen zu Theorie und Methode des Übersetzens und erarbeitet
nachvollziehbar und begründet »Kriterien einer guten Bibelübersetzung«, die
die Fremdheit des Ausgangstextes ebenso berücksichtigen wie die geforderte
Verständlichkeit der Übersetzung. Nicht um Verständlichkeit, sondern um
Verständigung geht es Francesca Albertini, Stefan Alkier und Ömer Özsoy in
ihrem gemeinsamen Projekt »Hermeneutik, Ethik und Kritik Heiliger Schriften
in Judentum, Christentum und Islam«. Es zeigt sich, dass die hermeneutischen Probleme
der Bibelübersetzung analog auch dort anstehen, wo nicht zwischen Ausgangs-
und Zieltext, sondern zwischen dem gültigen Wort Gottes und der
Perspektivität menschlicher Sprache innerhalb der je verschiedenen
Kommunikationszusammenhänge der drei monotheistischen Religionen zu
vermitteln ist. Charlotte Methuen befasst sich mit der Entstehungsgeschichte
der Luther-Übersetzung, beleuchtet die historischen Hintergründe und macht
anhand ausgewählter Verse deutlich, in welchem Maße gewichtige theologische
Interessen – in diesem Fall: reformatorische und humanistische wider die
römischen – auf die Arbeit des Übersetzens einwirken, ja, sie überhaupt
veranlassen. Die Kontroverse zwischen Stefan Schorch und Adrian Schenker hat
eine Grundsatzfrage von erheblicher Tragweite zum Gegenstand, die man
zugespitzt so formulieren kann: Müssen wir unser »Altes Testament« durch ein
ganz anderes Buch ersetzen, nämlich die griechische Bibel, eben jenes
Textcorpus, auf das sich durchgängig auch die neutestamentlichen Schriften
beziehen? Beide Beiträge diskutieren diese Frage mit gewichtigen
philologischen Argumenten und formulieren zwei klar unterscheidbare
Positionen. Den Beitrag unter der Rubrik »Hermeneutik und Vermittlung«
bestreitet Stefan Alkier mit Überlegungen zu einer »Ethik der Übersetzung in
den Bibelwissenschaften«. In Auseinandersetzung mit wichtigen Übersetzungskonzepten
seit der Väterzeit entwickelt er interpretationsethische Grundentscheidungen,
die die Extreme »Werkherrschaft des Autors« und »Willkür der Leser« vermeiden,
zugleich aber beiden Seiten zu ihrem Recht verhelfen. Der Buchreport aus der
Feder von Marco Frenschkowski resümiert die stellenweise überaus kontrovers
geführte Debatte um die »Bibel in gerechter Sprache« von einem eigenen
kritischen Standpunkt aus, gleichwohl differenziert und ausgewogen urteilend.
Bemerkenswert ist sein Plädoyer, bei aller Kritik auch Freundlichkeit walten
zu lassen. Im Haus der Sprache gibt es viele Wohnungen. Streit gibt es in vielen
von ihnen, Stillstand aber in keiner, am wenigsten dort, wo Menschen
miteinander an der Übersetzung der Bibel arbeiten. In diesem Sinne hoffen
wir, liebe Leserin und lieber Leser, dass Sie die Lektüre dieses Heft in
Bewegung versetzt.
Stefan Alkier
Eckart Reinmuth
Manuel Vogel
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