Liebe Leserin, lieber Leser, dass die christliche Theologie zu den Geisteswissenschaften
zählt, ist ihr schon immer sehr recht gewesen. Zum menschlichen hat sie
schließlich in ihrer eigenen Zuständigkeit noch einen anderen, überlegenen, den
göttlichen Geist vorzuweisen. Welche Wissenschaft ist also eine
Geisteswissenschaft, wenn nicht die Theologie? Indes kommt ihr der Geist, auf
den sie sich beruft, wenn sie über den Literalsinn der Realität hinaus strebt,
geradewegs entgegen in seiner Leidenschaft für die Materie. Der Logos ward
Fleisch, das Geistesleben zum Leibesleben. Das vorliegende Heft der ZNT zum
Thema »Religion und Körper« will zumal der Neutestamentlichen Wissenschaft
einen Anstoß geben, jene inkarnatorische Gegenbewegung des Geistes auf ihrem eigenen
Feld neu zu bedenken. Interdisziplinär ist das Thema – terminologisch und
sachlich zwischen »Leib-Sein« und »einen Körper haben« sich bewegend – sichtlich
von Interesse. In der Gegenwart werden in Philosophie und Kulturwissenschaften Körperkonzepte
in großer thematischer und methodologischer Vielfalt diskutiert. Angesichts dessen
kommt die Rückfrage nach der neutestamentlichen Rede von Leib bzw. Körper nicht
von Ungefähr. In seiner Doppelrolle als Korpus antiker Texte und Schriftenkanon
einer Weltreligion ist das Neue Testament gefragt, ob es hierzu Eigenes und
Wesentliches zu sagen hat. Christian Strecker gibt bereits im Titel seines
Aufsatzes eine erste Antwort: »›It matters!‹ – Der Körper in der jüngeren
neutestamentlichen Forschung«. Nach einem kundigen survey des kulturwissenschaftlichen Umfeldes zeigt er anhand
wichtiger neuerer Titel in informativer und inspirierender Weise Perspektiven
für weitere Forschungen auf. Bei den drei Beiträgen »Zum Thema« überwiegt die
Perspektive auf die Antike: Annette Weissenrieder macht anhand medizinischer
Literatur aus klassischer und hellenistisch-römischer Zeit deutlich, dass
neutestamentliche Aussagen zum physischen wie zum sozialen Leib einen
spezifisch antiken Verstehenshintergrund voraussetzen, der unser modernes
Verständnis der Texte nicht unwesentlich tangiert. In den Bereich des
Politischen führt der altertumswissenschaftliche Beitrag von Markus Sehlmeyer
zu körperlich-rituellen Aspekten römischer Reichsreligion, namentlich im
Kaiserkult. Auch aus dieser Perspektive eröffnen sich wichtige Zugänge zum
kulturellen Umfeld des Neuen Testaments. Einen theologischen Akzent setzt
dagegen François Vouga, der einen Weg durch das schwierige Terrain paulinischer
Leib-Aussagen weist und diese von theologischen und anthropologischen
Grundentscheidungen des Paulus her erschließt. Mit Paulus ist auch die
gehaltvolle Kontroverse zwischen Eckart Reinmuth und Matthias Klinghardt
befasst. Es geht um die Streitfrage, ob Paulus die ekklesiale Gemeinschaft der
korinthischen Gemeinde in den Abendmahlsaussagen in 1Kor 10f. prägnant vom
Körper des gekreuzigten Christus her begründet oder unter Rückgriff auf ein
antik geläufiges Ethos gemeinsamer Mähler. Unter der Rubrik »Hermeneutik und
Vermittlung« fragt Andrea Bieler nach Leib-Erfahrungen kranker Menschen in
Segnungsgottesdiensten. Eindringlich nimmt sie theologische Rede von
Leiblichkeit beim Wort und erinnert damit den exegetischen Begriff, der sich
gar zu gern in die Abstraktion verabschiedet, an seine praktisch-theologische
Sache. Der Buchreport von Jürgen Zangenberg beschließt das Heft mit der
kritischen Würdigung einer Monographie, die diesen Brückenschlag aus
exegetischer Perspektive unternimmt. In eigener Sache verabschieden wir an dieser Stelle Gabriele
Faßbeck aus dem Kreis der Herausgeberinnen und Herausgeber der ZNT. Frau
Faßbeck, Gründungsmitglied der ZNT, scheidet wegen zahlreicher anderer
Verpflichtungen auf eigenen Wunsch aus; gern lassen wir sie nicht ziehen, denn
ihr stetes Engagement und ihr kritisches Urteil, wofür ihr hiermit herzlich
gedankt sei, werden der ZNT fehlen. Ein herzliches Willkommen sagen wir
Christian Strecker, der seit diesem Heft zum erweiterten Herausgeberkreis
gehört. Die ZNT und ihre Leserinnen und Leser dürfen von seiner Mitarbeit neue
und wichtige Impulse erwarten.
Stefan Alkier Eckart Reinmuth Manuel Vogel
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