Martin Karrer ist Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. Er legt mit Jesus Christus im Neuen Testament eine "Christologie" vor, die es in sich hat. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Lektüre dieser Veröffentlichung gereicht zum Ereignis erster Güte im Bereich neutestamentlicher Forschung, mit Ausstrahlungen in alle anderen theologischen Fächer und in die kirchliche Arbeit hinein. Was Bultmanns Theologie des Neuen Testaments für seine und nachfolgende Generationen leistete, fängt der Entwurf Karrers m.E. an Einsichten, Fragen und Anregungen für unsere Zeit heute ein. Es geht ihm um nichts weniger als um die gründliche Erschließung des Bedeutungspotentials von Jesus Christus im Neuen Testament. Dieses Forschungsinteresse trägt einer wichtigen Erkenntnis der hermeneutisch-semiotischen Diskussion der sog. Postmoderne Rechung, daß nämlich Wirklichkeitsverständnis, -erfahrung und -kommunikation immer relativ und selektiv ist.
Diese Kontextualität menschlicher Existenz schlägt sich nieder sowohl in den neutestamentlich fixierten Interpretationen von Jesus Auftreten als auch in allen kirchengeschichtlichen und zeitgenössischen Zugängen zur Schrift. Eine gewissenhafte Lektüre des Neuen Testaments kommt zu dem Ergebnis, daß in den hier versammelten Schriften weder eine Christologie noch überhaupt ein systematischer christologischer Entwurf vorliegt. Damit ist von neutestamentlicher "Christologie" nicht eigentlich zu sprechen. Der Buchtitel Jesus Christus im Neuen Testament deutet nicht nur dieses an. Fußend auf der wohl wichtigsten Voraussetzung und Erkenntnis historisch-kritischer Forschung, daß nämlich die im Neuen Testament vorliegenden deutenden Beschreibungen des Auftretens Jesu schriftlich fixiert erst nachösterlich vorliegen, spürt Karrer so vorsichtig wie umsichtig und unter Berücksichtigung aller relevanten antiken Quellen und der gesamten kontemporären internationalen Forschung verschiedenen Kontinuitäten nach, die von der älteren Forschung gerade in Deutschland aus dogmatischem Interesse heraus a priori gerne negiert wurden: Kontinuitäten zum historischen Jesus von Nazareth und zur Urgemeinde sowie Kontinuitäten zum Alten Testament und zu Israel in seiner Vielfältigkeit.
Es stimmt beides: Jesus ist nur aus wirkungsgeschichtlicher Perspektive zugänglich. Aber ohne die Berücksichtigung der vom historischen Jesus ausgehenden Impulse wird diese Wirkungsgeschichte nicht plausibel. In so fern verschränken sich hier historische und theologische Erwägungen. Anders als Bultmann das sagen konnte, geht Karrer - in Übereinstimmung mit der heutigen Forschungstendenz - davon aus, daß "die von Jesus ausgelöste Geschichte zur Geschichte Jesu" gehört (182). In wie fern das je und je der Fall ist, bedarf intensiver und vorurteilsfreier, für Überraschungen offener Forschung. Diese legt Karrer hier vor, und er kommt zu überzeugenden, so beeindruckenden wie weitreichenden Folgerungen.
Jedem Abschnitt und Unterpunkt ist die relevante internationale Forschungsliteratur der letzten Jahre vorangestellt. Im ersten Abschnitt (13-22) legt Karrer in einer Diskussion methodischer Zugänge seine Herangehensweise dar. Er entscheidet sich mit guten Argumenten "für einen Ausgangspunkt bei der Christologie der Gemeinde. Mit den Schritten von Ostern zum irdischen Jesus und dem Einbezug der Bedeutung von Israels Schriften für die Christologie suche ich einen eigenen Weg" (18). Entsprechend nimmt das zweite Kapitel (23-71) die religionsgeschichtlichen Hintergründe, die neutestamentlichen Deutungen und Aspekte der "Auferweckung Jesu, des Retters" in den Blick. Karrer entfaltet sorgfältig die in den ntl. Schriften begegnenden Bedeutungsdimensionen des Retterprädikats in Verbindung mit der Auferweckung Jesu. Dabei macht er bei aller Vielfältigkeit der Motive auf drei "unverzichtbare Gesichtspunkte" aufmerksam: "In der Auferweckung Jesu bringt sich Gott selber zur Geltung. Er handelt so in einem Geschehen außerhalb von uns. Er tut dies zugunsten der Menschen" (70). Im dritten Kapitel (72-173) widmet sich Karrer entscheidenden Motiven um "Tod und Leiden Christi, des Gesalbten".
Verläßlich spürt der Autor den "semantischen Verzweigungen" des Christusprädikats im neutestamentlich-antiken Kontext nach: "Gottesnähe, Lebenshingabe, Ausstrahlung, Macht und Würde" (156) weist er als deren wichtigste auf. In der hermeneutischen Schlußreflexion zu diesem Kapitel wird die Kreuzestheologie der protestantischen Rezeption am NT in so fern relativiert, als daß sie als eine wichtige Möglichkeit der Lektüre unter anderen gewürdigt wird, an deren Seite heute korrigierend vor allem das "Versprechen der Zuwendung Gottes" (171) tritt. Die Bedeutung des Todes Jesu im Gespräch mit dem Judentum und vor allem mit dem Islam sowie eine übersichtliche Tabelle mit den wichtigsten Deutungen von Jesu Tod runden das Kapitel ab. Karrer schreitet folgerichtig weiter zum vierten Kapitel: "Der Sohn und sein irdisches Wirken" (174-334). Die explizite Betrachtung des irdischen Wirkens Jesu nimmt in dieser "Christologie" die zweite Hälfte des Buches ein. Alle in der gegenwärtigen Forschung relevanten Erkenntnisse werden gebührend diskutiert.
Immer wieder wartet Karrer mit eigenen, sehr plausiblen Beobachtungen und Lösungsvorschlägen auf. Im Ergebnis bestätigt sich die Vorgehensweise: "Der irdische Jesus gehört (...) nicht nur in die Christologie. Sein Verständnis gibt ihr wesentliche Impulse" (327). Der historische Jesus entzieht sich jeder darstellenden Kategorie. Trotzdem lassen sich Aussagen wagen: "Lebendig, unmittelbar setzt Jesus Gottes Zuwendung und Anspruch in Wort und Tat um. Er nimmt dem vorfindlichen Leben seine Selbstverständlichkeit" (327). Das forderte die Menschen, die Jesus begegneten, damals heraus, und auch heute ist die lebendige und ins Leben führende Rezeption die gemäße Antwort auf seinen Nachfolgeruf.
In der lebendigen Rezeption bedarf die Christologie "der Aussagestrukturen und Erlebnisräume" (329). Aufgrund des vielfältigen Bedeutungspotentials im NT dürfen und müssen Lektüregemeinschaften heute in jeweils unterschiedlichen Kontexten verschiedene Schwerpunkte der Interpretation und Erfahrung Jesu setzen. Ein Epilog (335-350) schließt mit Reflexionen zur Bedeutung des Jesusprädikats "Herr". Nach Aufweis seiner antiken Bedeutungsdimensionen diskutiert Karrer auch an dieser Stelle Aktualisierungsmöglichkeiten des in unserem Kontext nicht unproblematischen Prädikats. Er faßt abschließend schön zusammen, worum es der Christologie gehen muß: "Die Begegnung mit Jesus ist unter den Koordinaten unserer Zeit zu vermitteln. Jesus heischt nach Gegenwart, Gehör, lebendiger Wahrnehmung. Doch was heißt 'er heischt danach'? Damit, Wege sachgemäßer Neuformulierung zu finden, stehen wir erst am Anfang" (349). Daß wir schon am Anfang stehen können - und das auf tragfähiger Grundlage und mit klarem Blick nach vorn - , das haben wir Karrers Beitrag zu verdanken.
Diese "Christologie"macht es nicht nur möglich, Lektüren hinsichtlich ihrer Schriftgemäßheit verläßlich zu prüfen. Karrer weitet den Blick rezeptionsästhetisch, wenn er darüber hinaus Interpretationen in Geschichte und Gegenwart - sowie in ökumenischer Weite! - auf ihre jeweilige Plausibilität und Relevanz hin befragt. Es handelt sich somit hier um die m.E. bemerkenswerteste neutestamentliche Veröffentlichung der letzten Jahre. Die Fülle und Tiefe der hier im einzelnen vorliegenden, z.T. weitreichenden Erkenntnisse und Anregungen für Kirche und Theologie empfiehlt die intensive Lektüre des Werkes selbst. |