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Burkhard Orth, Lehrkunst im frühen Christentum. Die Bildungsdimension didaktischer Prinzipien in der hellenistisch-römischen Literatur und im lukanischen Doppelwerk, Frankfurt am Main u. a. 2002 (Beiträge zur Erziehungswissenschaft und biblischen Bildung 7)

Hinweis: Die nachfolgende Rezension und das besprochene Buch sollten im Zusammenhang von ZNT 21 (Themenheft „Lernen und Lehren“) wahrgenommen werden.
Die Darstellung von B. Orth beginnt mit einer begriffsgeschichtlichen Untersuchung zur Unterscheidung von „Bildung“ und „Erziehung“ vor dem Hintergrund der antiken „Paideia“ mit dem Ziel, dort vergleichbare Begriffsdimensionen und Unterscheidungen aufzufinden. Der Problematik der Bedingtheit durch den eigenen kulturellen Kontext und die eigene Fragestellung – hier: durch die aktuelle pädagogisch-didaktische Diskussion – ist sich der Verfasser ebenso bewusst wie der Mehrdeutigkeit der Begriffe in ihrer Geschichte. Er arbeitet einen „weiten Begriff von Bildung“ (umfassender lebenslanger Entwicklungsprozess) und einen „engen Begriff von Erziehung“ (aktive absichtsvolle Einwirkung) heraus; von ihnen ist aufgrund ihrer Vermittlung durch Aufklärung und Neuhumanismus am ehesten zu erwarten, dass es Analogien in Begrifflichkeit und Strukturmerkmalen der antiken Pädagogik gibt. Man findet sie in der „Paideia“ mit einem Schwerpunkt in der gesellschaftlichen Dimension des Begriffs und der Anamnesis-Lehre bei Platon sowie einem Schwerpunkt in der sprachlich-kommunikativen Dimension bei Isokrates einerseits (aufgenommen bei Cicero als durch griechische Bildung zu erwerbende „humanitas“), im „paideuein“ als gezielte Belehrung und „Seelenführung“ (Platon, Stoa) bzw. „Gewöhnung an Tugenden“ (Aristoteles) andererseits (aufgenommen durch die römische „educatio“ bzw. „institutio“ bei Cicero und Quintilian). Um das „Didaktische“ nicht auf den Bereich des Schulischen (Unterricht) zu begrenzen, wird kurz der lehrhaften Dichtung in der Antike nachgegangen und von da aus der Didaktikbegriff von Comenius („Lehrkunst“) als „Verständigungsgrundlage“ (89) gewählt (s. Titel des Buches), um eine Methodologie antiker Lehrkunst im literarischen Horizont (also nicht für die schulische Praxis) in Angriff nehmen zu können. Dies ist für die folgende Anwendung auf das lukanische Doppelwerk eine wichtige Voraussetzung, denn es handelt sich hierbei ja nicht um ein Unterrichtsbuch (im engeren Sinne). Zu bestimmen ist „Lehrkunst“ als „lernenmachende Lehre, die Bekanntes umformt und zugleich weiterentwickelt, um dem Leser neue Existenzmöglichkeiten zu eröffnen“ (95, mit F. Copei; im Orig. teilweise kursiv) – also einen individuellen Bildungsprozess zu durchlaufen. Angesichts des kommunikativen Charakters der christlichen Wahrheit (vgl. 111) sollte man hier bereits im Plural von „den Lesern“ (des Lukas) sprechen, da es nicht um „Persönlichkeitsbildung“ im Sinne des Hellenismus und im Sinne Diltheys geht (zusammenfassend: S. 118).
Als Hauptprinzipien hellenistisch-römischer und frühchristlicher Didaktik werden sodann im Hauptteil der Arbeit – neben dem „Exemplarische(n) als Integrationsnenner“ (121) – ausführlich gemäß ihren methodologischen Grundstrukturen „das genetische Prinzip der Vermittlung“, „das dramaturgische Prinzip der Überzeugung“ und „das heuristische Prinzip der Übertragung“ dargestellt. In der Beachtung der sprachlichen Form und ihrer Wirkungsdimension schließt sich Verf. stark an die Ansätze von K. Berger (neue Formgeschichte) und W. Iser (Rezeptionsästhetik) an. Er geht dabei jeweils so vor, dass er das Vorhandensein des didaktischen Prinzips an Beispielen aus der hellenistisch-römischen Umwelt belegt und sodann die Methodologie der Erzählkunst an Passagen aus dem Werk des Lukas verdeutlicht (119).
1) Lukas stellt seinen Lehrgegenstand (156: die „pragmata als Summe der überlieferten Ereignisse“; vgl. Lk 1,1f) dar, indem er ihn erzählerisch „vermittelt“ und so sukzessive ihn selbst und im Leser entstehen lässt (125: „Bildungsweg“). Indem er diesen didaktischen Aufriss wählt (ebd.: „genetisches Lehren und Lernen“) und dabei auf den praktisch-existenziellen Nutzen seiner Leser abzielt, verfährt er – bei allen Unterschieden – im Prinzip nicht anders als Polybios („pragmatische Geschichtsschreibung“) und Josephus in ihren großen Geschichtswerken. Ausführlich ist dargestellt, welcher Regeln der Erzählkunst – ausgehend von Lk 1,3 – Lukas sich dabei bedient (155: Kunst des Erkennen- und Glauben-Machens der Lehren; vgl. Lk 1,4).
2) Lukas stellt seinen Lehrgegenstand dar, indem er ihn rhetorisch-dramatisch gestaltet und so den Leser zu „überzeugen“ sucht (vgl. Apg 26,28f). Indem er die Ereignisse szenisch verdichtet (dramatische Episoden) und größere dramaturgisch aufgebaute Reden einschaltet, kann man sein Vorgehen mit demjenigen des römischen Geschichtsschreibers Livius vergleichen („tragische Geschichtsschreibung“). Ausführlich untersucht wird die pädagogisch-didaktische Dimension der Verteidigungsreden des Petrus und Paulus (die man als „Lehrstücke“ von Joppe und Damaskus bezeichnen kann: Apg 11,2-17; 26,2-23), indem nach dem dramaturgischen Aufbau und der Überzeugungsstrategie jener Reden in ihrem jeweiligen und ihrem übergreifenden Zusammenhang gefragt wird (197-199). Analog zu Livius und anderen Geschichtswerken (bzw. deren Theorie bei Aristoteles) werden „ekpläxis“ (Erschütterung), vornehmlich durch Peripetie, Erregung von Affekten und Katharsis als dramaturgische Mittel herausgestellt. Als Ziel des Lukas könnte man die Inszenierung didaktisch „fruchtbarer Momente“ für den Bildungsgewinn oder – mit seinen eigenen Worten – „wahrhaftiges Begreifen“ (Apg 10,34) oder das Finden „wahrer und vernünftiger Worte“ (Apg 26,25) durch den Leser benennen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen – v. a. im Blick auf die Damaskusszene – die Beobachtung von Änderungen bei Wiederholung von Szenen in Reden und deren didaktischer Sinn (207f, 210, 214-216, 220-229), da sich hier der stärkste exegetische Einzelertrag des ganzen Buches abzeichnet.
3) Lukas stellt seinen Lehrgegenstand dar, indem er Figuren der „Übertragung“ (analogische Metapher, Vergleich) einsetzt und so den Leser zur eigenen aktiven Erkenntnisfindung anleitet (Heuristik; vgl. Lk 1,77: „um Erkenntnis des Heils zu geben“). Die Vorgehensweise wird an zwei Beispielen verdeutlicht: dem Verstehen von „Heilsgeschichte“ (theologisches Verhältnis der Zeiten: Zeit Israels und Zeit der Kirche) in der „Vorgeschichte“ Lk 1-2 und der Übertragung christlicher Inhalte in eine religiös-philosophische Vorstellungswelt in der Areopagrede des Paulus Apg 17,16-34 (vgl. 253, 287). Indem Lukas in der „Vorgeschichte“ synkritisch vorgeht (d. h. durch abwägendes Vergleichen Jesu mit Johannes [und Augustus]) – um zu zeigen, „wer und woher Jesus ist“ und dass alles seinen „sicheren Grund“ in den alttestamentlichen Schriften hat (264f; vgl. die Tabelle 276) –, verfährt er methodisch im Prinzip nicht anders als Plutarch in seinen Parallelbiographien (dem es statt auf soteriologisches Wissen von Jesus auf die Erfassung des römischen Ethos ankam: 259, 262). In der Areopagrede geht es hingegen darum, den hellenistisch-stoischen Gedanken der Gottverwandtschaft des Menschen (Aratos-Zitat in 17,28) durch den alttestamentlichen der Gottessuche vergleichend neu zu erschließen, der erst im Glauben der Heiden an den auferstandenen Jesus zu seinem Ziel kommt (293f). Auch hieran wird die heuristische Didaktik des Lukas deutlich und die pädagogische Dimension des Textes nachvollziehbar. Er beschreibt, „wie ein zukünftiger Dialog mit den Heiden produktiv gestaltet und fruchtbar werden kann“ (296).

Orth hat zweifellos eine wichtige Dimension des lukanischen Werkes erfasst, auch wenn man diese sicher nicht zum einzigen Schlüssel zum Verständnis desselben machen darf. Bemerkenswert ist, dass er sich stark auf ältere, deutschsprachige Sekundärliteratur stützt (die er hilfreich referiert und zusammenfasst), ohne dass man den Eindruck hat, dass ihm in der Sache etwas Wichtiges entginge. Kleines Beispiel: Zu den „Vorgeschichten“ bezieht er sich 248f.253f auf die grundlegende Untersuchung von Gottfried Erdmann aus dem Jahre 1932, die in einer der neueren Studien (D. Frickenschmidt, Evangelium als Biographie, 1997) nicht einmal im Literaturverzeichnis genannt wird. – Statt einer Einzelkritik sei an dieser Stelle eine weiterführende Erwägung vorgetragen, die Orth in seiner Arbeit völlig unterlässt, die aber m. E. zwingend daraus folgt: Wenn es stimmt, dass Lukas die didaktischen Prinzipien hellenistisch-römischer Lehrkunst beherrscht und anwendet und dass er demzufolge für (literarisch) gebildete Leser schreibt bzw. solche anstrebt, wie ist dieses dann ins Verhältnis zu setzen zu der viel diskutierten Schlüsselaussage in Apg 4,13, die Apostel selbst (also die ersten Lehrer des Evangeliums) seien „ungebildete Laien“ gewesen? Waren sie stattdessen „mit heiligem Geist erfüllt“ (4,8 – eine spezifisch lukanische Formulierung) und bedurften bei ihrer Verteidigungsrede keiner „Lehrkunst“? – Thomas J. Kraus hat gezeigt (in: New Testament Studies 45, 1999, 434-449), dass die Wortverbindung „agrammatoi kai idiotai“ in Apg 4,13 nicht notwendigerweise bedeuten muss, dass die Apostel der untersten sozialen Schicht angehörten und vollständige Analphabeten („keine Schulbildung“) waren (gegen die Übersetzung der Stelle bei Berger/Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 6. Aufl. 2003, 515f; richtig hingegen R. Pesch, Apg 1-12, EKK V 1, 2. Aufl. 1995, 161: „unstudierte Menschen und Laien“), sondern dass sie hier aus der Sicht ihres Gegenübers, der Mitglieder des Sanhedrin, beschrieben werden (Kraus aaO. 448 – was aber nicht ausschließt, dass diese durchaus Richtiges gesehen haben!). Daraus ergibt sich nun m. E., dass den Aposteln v. a. eine höhere schriftgelehrte und rhetorische Bildung abgesprochen wird (durchaus im Sinne des Lukas; vgl. Paulus in 2Kor 11,6 über sich selbst: „rhetorischer Amateur“) und dass ihr „Freimut“ aus einer anderen Quelle (heiliger Geist) stammen muss (mit dem Sich-Wundern der Sanhedristen als angemessener Reaktion; vgl. Lk 4,22). Tor Vegge schreibt im Themenheft „Lernen und Lehren“ der ZNT (1/2008), 23: „Die ersten Christen können … nicht ausschließlich lauter verkommene und ungebildete Leute gewesen sein. In diesem barbarischen Haufen entstanden ganz früh bemerkenswerte literarische griechische (also nicht-barbarische) Texte. Von Anfang an gab es Leute, mit der nötigen Fähigkeit und dem entsprechenden Interesse für die Formulierung der kognitiven Dimension des Glaubens und die Vermittlung durch Formen und Gattungen, die in der literarischen Bildung zu Hause waren.“ B. Orth hat eindrucksvoll gezeigt, dass Lukas zu diesen Leuten gehört. Aber wie geht das mit der zutreffenden Feststellung der Sanhedristen in Apg 4,13 zusammen, die Apostel hätten keine solche Bildung besessen? – Doch nur so, dass zweierlei festgehalten wird:
1. Lukas lässt durchaus deutlich werden, dass das Evangelium für „das gesamte Volk“ (vgl. Lk 2,10; ebenfalls eine spezifisch lukanische Formulierung) bestimmt ist – also auch für von Haus aus weniger Gebildete oder ganz Ungebildete (vgl. dazu den Hinweis bei Orth aaO. 295 zur Areopagrede: „Da Lukas zur Verdeutlichung seiner Gedanken vor allem bekannte schöpfungstheologische Argumente und Analogien wählt, sind durchaus auch Leser mit einfacherem Bildungsstand in der Lage, die Übertragungsmöglichkeiten des Evangeliums zu begreifen“; zur Berücksichtigung unterschiedlicher Bildungsgrade beim Einsatz rhetorischer Analogien s. 243). Denn wenn schon die Apostel als Lehrer und Verkündiger des Evangeliums keine besonderen Bildungsvoraussetzungen dafür mitbringen mussten, wie viel weniger erst die Masse der durch die Heidenmission angesprochenen Bevölkerung.
2. Auf der anderen Seite muss man nach Orths Untersuchung davon ausgehen, dass Lukas sich seiner literarisch-didaktischen Kompetenz und seines „außergewöhnliche(n) Bildungsprofil(s)“ (144) bewusst war und auch Paulus seine rhetorischen Fähigkeiten gezielt eingesetzt hat (gerade auch dann, wenn er sie wie in 2Kor 11,6 abstreitet!), wenn man ihnen nicht eine gespaltene Persönlichkeit unterstellen will. Aber während Paulus seine Redegabe theologisch eher „zurückhaltend“ behandelt, da sie das Wirken des göttlichen Geistes nicht überdecken soll (1Kor 2,1-5), führt Lukas Redegabe und Freimut der Apostel direkt und uneingeschränkt auf das Wirken des Geistes zurück (Apg 4,8; in Lk 12,12 seinerseits als „Lehren“ bezeichnet, s. auch 1Kor 2,13; ferner Lk 21,15).
In beiden Zusammenhängen – sowohl bei Lukas als auch bei Paulus – ist auch von „Weisheit“ („sophia“) die Rede (vgl. Lk 21,15; Apg 6,10; 1Kor 2,6f). Insoweit diese durch den Geist vermittelt ist (vgl. weiter 1Kor 2,10), ist sie für den Christen notwendig und insofern auch als „Bildung“ anzustreben und anzueignen. Und diese umfasst eben inhaltliche Aussagen und Kenntnisse genauso wie methodische Fertigkeiten. Wie Lukas seine vom Geist geleitete, zwischen Bildung und Erziehung angesiedelte „Lehrkunst“ praktiziert – mit der er sicherlich eine eher „gebildete Leserschaft“ ansprechen wollte (vgl. 156 Anm. 554) –, hat B.Orth an ausgewählten Beispielen eindrucksvoll gezeigt. Mit Recht nennt er Lukas „einen der ersten großen Pädagogen des frühen Christentums“ (300).

Günter Röhser/Bonn, Januar 2009

 

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